Ansprache im Jahresanfangsgottesdienst

20. Januar 2016

Im Jahresanfangsgottesdienst für die Mitarbeitenden im Unternehmensverbund, in dem die langjährige Pflegedienstleiterin Ute Gude verabschiedet und ihr Nachfolger Kai Müller gewürdigt wurden, sagte Pastor Jörn Engler:

Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.
Jesaja 66, 13

In der Bibel gibt es viele Gottesbilder – oft sehr männlich geprägt – Vater, Gott der Heerscharen, König und der Mächtige. Daneben ist von Gott, dem Fels und der Burg die Rede und es gibt manche andere Bilder, die von Kraft und Macht nur so strotzen. Ich kann diesen Bildern durchaus viel abgewinnen, weil es für mein Verständnis darum geht, von der Unverbrüchlichkeit der Kraft Gottes zu sprechen. Ich lese in diesen Bildern, dass Gottes Liebe und Zuwendung sich standhaft bösen Mächten und Gewalten entgegenstellt und Menschen in Gottes Nähe Seelenschutz erleben. Die Würde des Menschen braucht starke und verlässliche Verteidigung.

Gleichwohl tragen diese zugestanden patriarchalischen Gottesbilder – vorsichtig formuliert – nicht durchgängig dazu bei, dass Menschen sich angesprochen fühlen – gerade die feministische Theologie hat deutlich gemacht, dass es gerade für viele Frauen eher belastete Sprachformen sind.

Die Jahreslosung fügt diesen machtvollen Gottesbildern einen ganz anderen Ton hinzu. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Zart klingt das. Zärtlich. Weich. Freundlich. Sanft geradezu und sehr aufmerksam und zugewandt. Eine Mutter, die nicht vermeiden kann, dass dem Kind die Seele schmerzt und der Leib. Die der Not aber begegnet – auch machtvoll, aber ohne jede Gewalt. Behutsam eröffnet sie einen Schutzraum der Geborgenheit, in dem das Schluchzen zur Ruhe finden kann. Tränen trocknen können. Linderung möglich wird. Trösten – das bedeutet, nicht schon das Problem aus der Welt zu schaffen. Sondern Distanz zu finden zur Not. Herausgenommen werden aus der Bedrohung. Zurück zu finden zu einem neuen Blick, sich zu sammeln und wieder handlungsfähig zu werden, nicht mehr ausgeliefert zu sein und hilflos.
Jenseits aller persönlichen Zustimmung und der Erinnerungen, die sich einstellen mögen, spricht mich die Jahreslosung in diesen Tagen sehr an. Wie viel Trost braucht unsere Welt – brauchen die Familien der Istanbuler Bombenopfer – der Opfer von Paris und Aleppo und und und. Wie viel Trost brauchen all die Menschen, die zu uns fliehen. Wie viel Trost so viele Leute in so vielen unbeschreibbaren Situationen in den Häusern in unserem Land.

Wie sehr gehört das Trösten zu den täglichen Aufgaben, denen wir uns selbst verschrieben haben. Helfen, heilen, trösten – dafür wollen wir Orte zur Verfügung stellen und tun das ja auch. Orte, an denen aufmerksame Herzen und wache Geister und kompetente, starke Hände wirken.

Trösten, das ist zum einen eine hohe Kunst. Und zum anderen braucht es als Werkzeug ganz wesentlich nur eines: Nämlich die aufmerksame – kannst auch sagen – achtsame Selbstwahrnehmung. Nämlich die Frage: Was würde ich selbst jetzt brauchen?

Und dann wird sehr schnell deutlich sein, dass es sicherlich nicht Sätze, wie diese sind:

  • „Ist doch nicht so schlimm!“ Wenn es aber doch im Moment nur noch schlimm ist!
  • „Kopf hoch!“ Wenn Du nicht einmal die Kraft hast, aufrecht zu stehen!
  • „Das wird schon wieder!“ Wenn doch alles, was werden könnte, im Moment in Trümmern liegt.

Trost, das ist so etwas wie Krisenintervention. Da geht es weder um Diagnose, noch lange nicht um Therapie oder um Heilung – weil Du ja in dem Moment noch gar nicht weißt, was als nächster Schritt denn wirklich sinnvoll ist. In der Krisenintervention und im Trost, da geht es darum, zu halten, beizustehen, auszuhalten, dass die Dinge jetzt so sind, wie sie sind und das Signal zu geben: Ich bin bei Dir und ich halte mit Dir aus und ich habe auch die Kraft, Dich zu halten!

Trost, das haben Sie von mir sicherlich schon gehört oder gelesen – Trost hat den gleichen Wortstamm wie „Vertrauen“, „Treue“ und wie im englischen Wort true „Wahrhaftigkeit“. Du darfst Vertrauen in mich haben. Ich traue mir selbst zu, für Dich da zu sein. Ich helfe Dir in eine Situation zu kommen, dass Du der Wahrheit über Dein Leben in die Augen sehen kannst. Ich will Dir helfen, getrost den nächsten Schritt in Deinem Leben tun zu können.
Denn das ist es ja auch: Trösten hat ein Ziel. Nämlich das Zutrauen zu finden, getrost einen nächsten Schritt zu setzen. Wieder aufblicken zu können. Die eigenen Möglichkeiten wieder zu entdecken und zu nutzen.
Um im Bild des Bibelverses zu bleiben: Die Mutter hält das Kind nur so lange im Arm, bis es die Augen wieder frei hat, bis der Schmerz nachgelassen hat, bis der Fuß wieder aufsetzen kann.

Und dann wird es natürlich auch sehr fachlich werden – wo liegt das Problem? Was kann getan werden? Wo brauchst Du Unterstützung? Was kannst Du alleine tun? Welches Ziel willst Du Dir setzen und welche Rahmenbedingungen brauchst Du dafür und welche Rolle kann ich dabei spielen? Oder andere.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, Sie alle können das – achtsam und umsichtig den rechten Moment zu finden, wann was dran ist. Sie sind Experten und Expertinnen im Trösten, im Helfen, im Heilen.
Trost, Vertrauen, Treue, getroster und aufrechter Gang – das hängt miteinander zusammen. Liebe Frau Gude, wenn ich das alles so sage, dann denke ich dabei an Sie.

Wir haben Ihnen zugetraut, dass Sie hilfreich und kompetent für die Menschen in unserem Diakoniewerk da sein können – 15 Jahre lang haben Sie Ihren treuen Dienst geleistet. Wir haben Ihnen zugetraut, dass Sie nicht nur gut pflegen, sondern dass Sie auch gut leiten. Sie haben sich das auch selbst zugetraut. Und haben gezeigt, dass die Bewohner und Bewohnerinnen und dann eben auch Ihre Teams gut davon hatten, dass Sie in großer Zuverlässigkeit und Umsicht und – jedenfalls habe ich das nie anders erlebt – klarer Freundlichkeit ihre Teams geführt haben. Sie gehören nicht zu den Lautsprechern und sind sicherlich nicht immer diejenige gewesen, die sofort schon wissen, wie eine Frage zu beantworten ist, bevor sie denn überhaupt gestellt wird. Sie haben nicht den Anspruch, anderen die Welt zu erklären. Vielmehr haben Sie gründlich und mit einer beruhigenden Portion Nachdenklichkeit Sie Ihre Arbeit getan. Eine ruhige Hand. Das Bild verbinde ich mit Ute Gude. Die Bereitschaft, sich geduldig mit komplexen Aufgabenstellungen auseinanderzusetzen und zu einem guten Ziel zu führen. Zuletzt die beiden Bereiche in Zoar zusammenzuhüten, Teambuilding zu betreiben, Vertrauen nicht nur zu behaupten, sondern zu leben. Durchaus auch zu trösten, wenn der Teller sich wieder mal sehr schnell gedreht hat.

Sie haben sich das selbst zugetraut – gut, dass Sie nicht im Einzelhandel geblieben sind, in dem Sie Ihre ersten beruflichen Schritte getan haben! Sie haben entdeckt, dass die Pflege für Sie der richtige Beruf ist – in Langstedt, bei der Diako, im Elisabeth-Krankenhaus in Berlin

haben Sie gearbeitet und unser Gott hat Ihre Wege zum 1. November 2000 in unser Diakoniewerk geführt.
Wir danken Ihnen heute für Ihren Dienst an den Menschen, die uns anvertraut sind. Und wir vertrauen Sie der Begleitung unseres Gottes an, der Sie freundlich durch die Zeit begleiten möge, die vor Ihnen liegt.
Sie, lieber Kai Müller, können in Zoar die Aufgaben, des sind wir gewiss, getrost übernehmen. Sie haben durch Ihre Ausbildung, durch das Traineeprogramm und dann ja auch in den letzten Monaten durch ihre Zusammenarbeit mit Frau Gude sich gut einarbeiten können. Auch für Sie erbitten wir Gottes Segen für die Zeit, die vor Ihnen und Ihrem Team liegt, damit Sie für die Menschen in unserem Diakoniewerk lebendig werden lassen, was unser Leitwort ist: Orte zum Leben bereit zu halten, zu helfen, zu heilen und zu trösten.

Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.
Er – unser Gott – er tut das durch sein Wort, durch seine Gemeinde, durch Menschen, die sich bereit halten. Trost – Treue – Vertrauen ins Leben – das geschieht durch Zuwendung, durch achtsame Begegnung, durch fachlich hochwertige Arbeit – Gottes Boten sind wir.

Hanns Dieter Hüsch hat gute Worte gefunden:
Tröstet die Traurigen,
greift den Armen unter die Arme.
Bringt die Einsamen zusammen,
besucht die Kranken,
ihr bringt die Freude Gottes in ihr Haus –
mit einem Lächeln.
Ihr seid das Licht der Welt.

Verschließt Eure Türen den Menschen nicht.
Schließt euch auf für Freund und Feind;
denn eure Liebe hat Hand und Fuß –
und ein Gesicht.
Ihr seid das Salz der Erde.

Haltet schützend die Hände über die,
die schwach und elend sind.
Schafft Raum für Freund und Feind.
Bring ihnen die Freundlichkeit Gottes entgegen.
Ihr seid Gottes Kinder.

Lebt mit neuen Gedanken einen neuen Glauben;
seid ein Echo des Himmels hier auf der Erde.
Ihr verwandelt das Böse in das Gute.
So werdet ihr zum Spiegel des Himmels.*

* Hanns Dieter Hüsch – Uwe Seidel, Ich stehe unter Gottes Schutz, Düsseldorf, 4. Aufl. 1999, S. 85

IMG_3672Ute Gude, Wolfgang Hauschildt, Claudia Zabel, Carsten Steinbrügge und Syelle Dörschner bei der Verabschiedung im Haus KANA.

IMG_3682Syelle Dörschner wünscht Herrn Kai-Uwe Müller einen guten Start in Zoar.

Orte zum Leben, Helfen,
Heilen, Trösten