Der Begleiter im Kopf

Wer Stimmen hört und davon erzählt, hat in aller Regel keinen leichten Stand bei seinen Mitmenschen – schließlich ist das Phänomen stark stigmatisiert. Joachim Schnackenberg, Experte für dieses Krankheitsbild, wirft einen differenzierten Blick auf das Stimmenhören.


Im Januar 2013 hielt Joachim Schnackenberg, Sozialarbeiter aus London und Co-Leiter des efc Instituts (experience focussed counselling), mit seinen Kolleginnen Senait Debesay und Suzanne Engelen einen Vortrag über das Phänomen des Stimmenhörens. Er und sein Team berichteten im Austausch mit dem Publikum sehr anschaulich über verschiedene Arten akustischer und optischer Halluzinationen, die abhängig vom jeweiligen Kulturkreis eine unterschiedliche Akzeptanz erfahren.

Stimmenhören: Anomalie oder kulturell gewachsen?

Wenn von Stimmenhören die Rede ist, fällt das Urteil der Mitmenschen hierzulande relativ einhellig aus: Da ist jemand „krank im Kopf“ und sollte sich von Arzt behandeln lassen. In anderen Kulturen oder auch in früherer Zeit bei uns in Mitteleuropa galt das Stimmenhören dagegen als eine Kommunikationsform, etwa mit den Göttern oder auch mit dem alttestamentarischen Gott der Bibel. Mit anderen Worten: Die Entscheidung, ob Stimmenhören als behandlungsbedürftig eingestuft und dann meist mit Medikamenten behandelt wird, hängt laut Schnackenberg auch von dem kulturellen Umfeld ab.

Die Zuhörer berichteten aus ihrer Erfahrung, dass durchaus nicht alle „Stimmenhörer“ unbedingt behandelt werden oder behandelt werden wollen. Im ländlichen Umfeld gibt es außerdem Beispiele von Menschen, die als Einsiedler mit ihrer Psychose problemlos lebten. Auch in eher familiär geprägten Kulturen, wie der türkischen etwa, werden „Stimmenhörer“ oder an einer Psychose leidende Familienmitglieder selten medikamentös behandelt, sondern vielmehr von ihren Angehörigen begleitet.

Nach einer Übung, in der die Zuhörer einmal die Erfahrung machen konnten, dass mehrere Stimmen auf sie einredeten (was der Erfahrungswelt im Alltag ja entspricht), erzählte Herr Schnackenberg von Einzelfällen mit therapeutischem Erfolg. Hier führte das Ansprechen des Traumas, das der Einzelne durchlebt hatte, mithilfe der efc Methode dazu, dass der Betroffene sich durch die Stimmen nicht mehr so bedrängt fühlte. In vielen Fällen verabschiedeten sie sich auch ganz.

Die Art der Behandlung entscheidet der Einzelfall

Den Stimmen keine Macht zusprechen, sie als Teil der Persönlichkeit annehmen, ihre Funktion im Leben verstehen lernen, in vertrauensvollen Gesprächen mit einer Bezugsperson traumatische Erfahrungen verarbeiten: das ist Inhalt der beraterischen und therapeutischen Arbeit mit Stimmenhörenden, die Joachim Schnackenberg vertritt. Dabei war es ihm wichtig zu unterstreichen, dass seine Methode nicht als eine strikte Ablehnung von Medikamenten verstanden werden soll. Natürlich kann vielen Menschen durch Medikamente umfassend oder zumindest teilweise bei dem Versuch geholfen werden, mit der Erfahrung des Stimmenhörens besser zurechtzukommen. Der Ansatz des efc-Instituts ruft also nicht dazu auf, Medikamente einfach abzusetzen.

Gleichzeitig wies Joachim Schnackenberg darauf hin, dass viele Stimmenhörenden ihre Stimmen als Teil ihrer Persönlichkeit verstehen und als Ratgeber schätzen und nicht missen mögen. Diese Selbsteinschätzung sollte von den Mitmenschen akzeptiert und respektiert werden.


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