Die Welt gegen mich (Teil 3)

Unter Schizophrenie verstehen viele Menschen fälschlicherweise eine Persönlichkeitsspaltung. Tatsächlich handelt es sich um ein überaus komplexes Krankheitsbild, das von gänzlich anderen Symptomen begleitet wird. Dr. Kai Giermann referiert in seiner dreiteiligen Serie über die unterschiedlichen Facetten der Wahrnehmungsstörung.

Über die Funktion und Verknüpfung der einzelnen Hirn-Bausteine

Im 2. Teil der Reihe mussten wir bei den Bausteinen des Hirns, den biologischen Voraussetzungen, die wir in der Evolution „geerbt“ haben, enden, ohne uns deren Funktion und Verknüpfung näher anzusehen. Dies soll in diesem und letzten Teil der Reihe geschehen.

Kein Mensch kann die aus seiner Umwelt auf ihn einstürzende Menge an Information vollständig verarbeiten und richtig bewerten, deshalb muss die Informationsmenge reduziert werden. Sinnvollerweise müssen wichtige Informationen weitergegeben werden, unwichtige werden unterdrückt. Jeder kennt das Beispiel der Mutter, die vom Getöse auf der Straße gar nicht mehr aufwacht, aber vom geringsten Weinen ihres Neugeborenen.

Emotionen haben Vorfahrt

Die in Abb. 1 violett dargestellten Basalganglien (das sind Kernbereiche unterhalb der Großhirnrinde) besitzen diese Filterfunktion. über sie gelangen die (wichtigen) Informationen aus der Umwelt ① zum Gehirn. Dieser Prozess wird auch als „Gating“ (vom englischen gate = Tor) bezeichnet. (Ausgenommen von dieser Filterung ist übrigens der Geruchssinn, die ungefiltert in das limbische System gelangt und unsere Emotionen unbemerkt massiv beeinflusst.) Insbesondere werden die Umweltinformationen emotional bewertet, denn was uns emotional berührt, wird bevorzugt durchgelassen. Jeder kennt den Trick aus der Werbung: Kinder, Tiere und viel nackte Haut gehen immer…

Abb. 1 (Quelle: Wikimedia commons)

Das funktioniert auch andersherum: Handlungsentscheidungen und -ausführungen müssen nicht bis zur Großhirnrinde „durchgereicht“ werden, wenn es dringlich ist. Man stelle sich vor, wir müssten immer erst länglich nachdenken, bevor wir die Hand vom heißen Ofen wegziehen. Begehren, Flucht- und Schreckreaktionen werden bereits hier entschieden, bevor höhere Zentren Kenntnis erhalten, ebenso, welche Eindrücke und Handlungen wir für begehrenswert halten. Das sogenannte „Belohnungssystem“ erzeugt dann Wohlbefinden und Glücksgefühle, wenn wir diesen Eindrücken und Handlungen nachgegangen sind.

Begierde vs. Konvention

Allerdings bedarf es der inneren Kontrolle dieser Handlungen und Begierden, da sie oftmals sozial in der heutigen Gesellschaft nicht erwünscht sind. Man darf eben nicht ohne Bezahlung bei EDEKA etwas mitnehmen, nicht spontan den Nachbarn hauen, wenn man ihn nicht mag und er trotzdem ungerufen aufs Grundstück kommt. Das ist die biologische Grundlage von Sigmund Freuds Kampf zwischen Es und über-Ich. Genau diese Selbstkontrolle wird durch eine Neuerwerbung der Evolution, den sogenannten frontobasalen Neocortex geregelt (Abb. 1, ③).

Die Verbindungen sind in Abb. 2 noch einmal im Detail dargestellt, insbesondere vom Dopamin-System (blau) über den Nucleus accumbens zum Serotonin-System (rot), das für Stimmung und bewusste Glücksgefühle zuständig ist.
small>Abb. 2 (Quelle: Wikimedia commons)

Wenn die archaischen Muster wieder erwachen

Was passiert nun, wenn diese „Neuerwerbung“ und ihre Verbindung zur Zentrale nicht mehr so funktionieren wie von der Natur gewünscht? Ganz einfach: Die Einordnung und Bewertung von Erlebtem und Geplantem im bewussten und sozialen Kontext fallen weitgehend weg, die fest verdrahteten, uralten unbewussten Verhaltensweisen triumphieren, das Programm, das seit vielen tausend Jahren dort in Reserve liegt, gewinnt überhand, die entsprechenden Hirnteile des Mittelhirns fahren auf Hochtouren und erhöhen ihren Dopaminbestand. Und dieses kennt eigentlich nur wenige grundlegende Verhaltensweisen des überlebens: Angst als Selbstschutz mit den Folgehandlungen Weglaufen, Angriff zur Befreiung oder Totstellen.

Ebenso werden alle Wahrnehmungen aus der Umwelt nun unter diesen Gesichtspunkten interpretiert: Wenn es im Gebüsch raschelt, ist es bestimmt etwas/jemand, der hinter mir her ist. Wenn der Nachbar mich anstarrt, hat das bestimmt eine böse Bedeutung. Die Reaktionen kann man sich lebhaft selbst vorstellen, die Paranoia, der Verfolgungswahn ist geboren. Ähnlich entwickeln sich andere Wahnvorstellungen. Allen gemeinsam ist eben die unzureichende Interpretation des aktuell Erlebten im modernen Kontext und damit die überwiegende Interpretation der Umwelt in einem archaischen, bedrohlichen Kontext.

Sozialer Rückzug fördert schizophrene Anlagen

Letztendlich beginnt also die Schizophrenie mit einem sozialen Rückzug aus dem Verständnis der Umwelt und der nötigen Interaktion mit dieser. Dieser antriebsarme Zustand des sozialen Rückzugs und des mangelnden Verständnisses für komplexe Zusammenhänge wird, wie in einem der vorigen Artikel beschrieben, Negativsymptomatik genannt. Sie stellt nach derzeitiger Auffassung die Primärsymptomatik der Schizophrenie dar, die zumeist unentdeckt oder vom Umfeld falsch oder nicht verstanden bleibt.

Damit gehört die Schizophrenie zu den Krankheiten, bei denen bestimmte Hirnteile ihre Funktion einbüßen. Ob dies ein ähnlich degenerativer Prozess wie zum Beispiel beim Alzheimer ist, kann derzeit noch nicht festgestellt werden. Entsprechende Gene sind nicht bekannt beziehungsweise deren Wechselwirkung derart komplex, dass es mit den heutigen Methoden (noch) nicht möglich ist, einen Zusammenhang herzustellen.

Kai Giermann


Zu Teil 1: Die Welt gegen mich
Zu Teil 2: Die Welt gegen mich


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