Die Welt gegen mich (Teil 1)

Unter Schizophrenie verstehen viele Menschen fälschlicherweise eine Persönlichkeitsspaltung. Tatsächlich handelt es sich um ein überaus komplexes Krankheitsbild, das von gänzlich anderen Symptomen begleitet wird. Dr. Kai Giermann referiert in seiner dreiteiligen Serie über die unterschiedlichen Facetten der Wahrnehmungsstörung.


Die Theorien zur Entstehung dieser Erkrankung sind vielfältig und so alt wie die Erkrankung selbst. Je nach Modeströmung finden sich in allen Zeitaltern erneut Versuche, die Denkvorgänge von Schizophreniepatienten zu erklären.

Ein kurzer Abriss dieser Geschichte zeigt uns ganz grob die folgenden Theorien:

I. Der Mythos von der Besessenheit

In den alten Kulturen galt der schizophrene Mensch als besessen und von einer fremden Macht beherrscht. (Eine Definition übrigens, die im Hinblick auf den psychotischen Charakter der Schizophrenie durchaus in die richtige Richtung zielt.) Entsprechend wurden die Betroffenen auch „therapiert: Es gab Geisteraustreibungen, rituelle Operationen an den Schädelknochen und bis in die siebziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts auch in Deutschland den Exorzismus. Das letzte und wohl prominenteste Opfer dieser „Behandlung“ war die sicherlich an einer Epilepsiepsychose erkrankte Anneliese Michel aus Klingenberg am Main, die am 1. Juli 1976 im Alter von 23 Jahren an den Folgen des offiziell letzten in Deutschland durchgeführten Exorzismus starb.

Insbesondere unter sogenannten Naturvölkern besaßen und besitzen an Schizophrenie Erkrankte hingegen einen durchaus angesehenen Status. Oft werden ihnen dort seherische Fähigkeiten zugesprochen . Auch ihre andersartigen Einsichten genießen in diesen Kulturen nicht selten Respekt.

II: Zwischen Feindseligkeit und Überfürsorge: die „schizophrenogene Mutter“

Nach den Anfängen der Psychoanalyse wurde auch das Krankheitsbild der Psychose enttabuisiert und wissenschaftlicher untersucht. So wurde beobachtet, dass in Familien mit psychosekranken Kindern eine besondere Art der emotionalen Kommunikation auftritt. Damit ist die als „High Expressed Emotions“ bezeichnete emotionale Spannung zwischen Familienmitgliedern gemeint, wobei vor allem die Mutter des schizophrenen Kindes eine tragende Rolle spielt.

High-Expressed-Emotions (HEE) bedeutet dabei ein Übermaß an Kritik und Feindseligkeit von seiten der Familienangehörigen gegenüber dem Patienten, zugleich aber auch eine überbordende und oftmals bedrückende Fürsorglichkeit. Insbesondere seien die Mütter aus diesen Familien besonders stressanfällig, anstrengend und aufreibend für die Patienten und das soziale Umfeld. Allerdings ist die Theorie, dass die Ursache für den Ausbruch einer Schizophrenie in solch einer Beziehung liegen könnte, ist längst widerlegt.

Auffällig ist jedoch, dass schizophrene Patienten aus sogenannten HEE-Familien eine Rückfallquote von 76% pro Jahr haben, das ist etwa das 1,5-fache der normalen Rückfallquote ohne Medikamenteneinnahme! Als Begründung kann man annehmen, dass die Abwehrstrategien der Patienten, die bei einer Schizophrenie ohnehin schon reduziert sind, durch HEE-Familien überstrapaziert werden.

Schizophrenie ist aber zuallererst eine Erkrankung der Kognition, insbesondere der sozialen Kognition (siehe Teil 2). Es kann also auch sein, dass das zur Schizophrenie neigende Kind dazu beiträgt, dass die soziale Interaktionsfähigkeit der Eltern durch den vorhandenen Gendefekt ebenfalls so gestört wird, dass diese nicht mehr in der Lage sind, genügend „Normalität“ im Umgang mit dem durch die Erkrankung belasteten Familienmitglied aufzubringen. Die Folge ist, dass sie selbst stressbedingte Störungen der Emotionalität aufweisen können.

Eine besondere Spielart dieser Theorie ist die „Schizophrenogene Mutter“, beschrieben als eine Person mit egozentrischem Wesen, die das Kind nach eigenen verschrobenen Ansichten prägt, ihm keine Eigenständigkeit und keine Freiheit gewährt, einen eklatanten Mangel an Herzlichkeit und Wärme verbreitet und eine pedantische äußerliche Betreuung (overprotective) praktiziert.

III. Wenn ja nicht mehr ja bedeutet: gestörte Kommunikation

Auch werden in einer gestörten Kommunikation oftmals wortlos emotionale Signale gesendet, die dem Sinn des gesprochenen Wortes entgegengesetzt sind. Der Kommunikationspartner kann diese „Botschaft mit doppeltem Boden“ nicht verstehen und befindet sich in einem psychischen Dilemma. Dieser Vorgang wird als „Teaching of Irrationality“ bezeichnet, eine schizophrene Ambivalenz der Eltern in der Kommunikation. Ein quasi latent schizophrenes Elternteil spricht zum Kind eine zweideutige Sprache, in der Ja nicht Ja und Nein nicht Nein bedeutet. Dadurch ist die Entwicklung zu einer eindeutigen und natürlichen Kommunikation nicht mehr möglich. Schizophrenie wurde so auf eine Fehlentwicklung in der Kommunikation reduziert, was definitiv so nicht stimmt.

Nach dem Ende dieser Theorien hatten sich viele Elternteile, die sich für die Erkrankung ihrer Kinder schuldig gefühlt haben, nach Gesprächen mit den Therapeuten entlastet. Heute gehört die entlastende und coachende Arbeit mit den Bezugspersonen des Patienten zwingend zu den Bestandteilen einer korrekt durchgeführten Therapie der Schizophrenie.

von Dr. Kai Giermann

Nach der Einführung in das Krankheitsbild „Schizophrenie“ behandelt Dr. Kai Giermann im 2. Teil der Serie die Bausteine im menschlichen Hirn. Sehr zu empfehlen und überaus lehrreich!


Zu Teil 2: Die Welt gegen mich
Zu Teil 3: Die Welt gegen mich


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