Eine Frage auf Leben und Tod

Im Angesicht einer unheilbaren Krankheit wird der Tod von vielen auch als Erlösung herbeigesehnt. Der Palliativmediziner Dr. Hermann Ewald hat 2014 im Rahmen eines Vortrags in der Diakonischen Gemeinschaft über das sensible Thema Sterbehilfe gesprochen und viele interessierte Zuhörer gefunden.


Das Thema Sterbehilfe berührt und polarisiert gleichermaßen, und das aus gutem Grund: Denn es geht um nicht weniger als die Frage nach dem Wert des Lebens, aber auch um die Frage nach dem Leidensmaß, das ein Mensch im Angesicht einer unheilbaren Krankheit zu ertragen fähig ist.

Vor diesem Hintergrund hat die Diakonische Gemeinschaft im Jahr 2014 den Palliativmediziner Dr. Hermann Ewald, ärztlicher Leiter des Katharinen Hospiz am Park in Flensburg, zu einem Vortrag eingeladen.

Ewiges Leben oder sofortiger Tod?

Dr. Ewald begann seien Vortrag mit der Schilderung einer Unterrichtssituation im Theologiestudium. Ein Professor stellte seinen jungen Studierenden folgende Frage: „Wenn Sie sich jetzt entscheiden müssen, ob Sie ewig leben oder jetzt sofort sterben wollen, wie entscheiden Sie sich?“ Diese Frage gab er an die rund 60 im Haus Kana versammelten Menschen weiter – und löste damit sofort große Nachdenklichkeit aus. Wohl allen Anwesenden fiel es schwer, diese Frage für sich zu beantworten. Die ca. 20jährigen Studierenden übrigens taten sich mit der Antwort erstaunlicherweise leichter – und entschieden sich in der überwiegenden Mehrheit gegen das ewige Leben und für den sofortigen Tod.

In seiner allgemeinen Einführung klärte Dr. Ewald die Zuhörer über die Definition und die juristische Bewertung der verschiedenen zur Diskussion stehenden Methoden auf: „sterben lassen (passive Sterbehilfe – nicht strafbar, wenn medizinisch indiziert)“, dem Prinzip der Doppelwirkung (indirekte Sterbehilfe – nicht strafbar, wenn medizinisch korrekt durchgeführt), dem assistierten Suizid (nicht strafbar) und der Tötung auf Verlangen (aktive Sterbehilfe – strafbar). Danach beantwortete er in seinem Vortrag die Fragen der Anwesenden zum Thema und gab Gedankenanstöße.

Wichtig war es Dr. Ewald, dass all seine Erkenntnisse und Erfahrungen mit sterbenden Menschen aus seiner Arbeit mit krebskranken Menschen stammen. Er riet, Menschen, die sich zum Thema Sterbehilfe äußern, immer nach ihrem Erfahrungshintergrund zu befragen, da dieser entscheidend zur Meinungsbildung beitragen könne.

Der Wunsch nach einem selbstbestimmten Sterben

Vor allem zwei große Ängste seien es auf der Palliativstation, die in Patienten den Wunsch nach Sterbehilfe entstehen ließen: zum einen die Angst, dass im Verlauf der Krankheit etwas Unaushaltbares geschehen könne und zum zweiten die Angst, nicht mehr selbst darüber bestimmen zu können, was mit ihm geschehe. Ernstgenommen zu werden und selbstbestimmt zu sein, das sei der größte Wunsch der Patienten und zugleich das, was eines der Hauptanliegen der palliativen Versorgung sei.

Als ein prägnantes Beispiel, das den meisten Anwesenden bekannt war, nannte Dr. Ewald den Fall, dass ein Patient mit Schmerzen zum Arzt kommt. Was tut der Arzt? Die Meinung der meisten Zuhörer war: er verschreibt ein Schmerzmittel. Anders der Palliativmediziner. Er stellt dem Patienten zunächst einmal – die übrigens ganz biblische – Frage: „Was soll ich für Sie tun?“ und vermittelt damit dem Patienten das Gefühl, dass seine Erfahrung eine Rolle spielt und es auf ihn ankommt – und das tut es. Das macht Palliativmedizin, wenn sie gut funktioniert, sagt Hermann Ewald. Gefragt nach der Zeit, die man für eine solche Art des Umgangs mit den Patienten benötige, antwortete Dr. Ewald: „Palliativmedizin lebt von der Zeit und dem Gespräch und den Menschen –nicht von der Technik.“ Die Grenzen der Palliativmedizin sieht Dr. Ewald im ambulanten Bereich: „Wir können alle Medizin nach Hause tragen, aber wir können nicht auffangen, wenn die Familie nicht mehr tragen kann.“

Eine Mahnung zum Schluss

Nachdenklich stimmte Dr. Ewalds Mahnung, sehr sorgfältig mit der Entscheidung für jedwede Art der gesetzlichen Regelung bezüglich Sterbehilfe umzugehen, denn: „Was wir heute noch kontrovers und intensiv diskutieren, worum wir uns angestrengt bemühen, das wird –einmal gesetzlich festgeschrieben und praktiziert – in zwei Generationen selbstverständlich sein. Dahinter gibt es kein zurück, und dann wird man über weitere Stufen diskutieren.


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