Die Welt gegen mich (Teil 2)

Unter Schizophrenie verstehen viele Menschen fälschlicherweise eine Persönlichkeitsspaltung. Tatsächlich handelt es sich um ein überaus komplexes Krankheitsbild, das von gänzlich anderen Symptomen begleitet wird. Dr. Kai Giermann referiert in seiner dreiteiligen Serie über die unterschiedlichen Facetten der Wahrnehmungsstörung.


Nach den bedeutenden Fortschritten der Neurobiologie im 20. und 21. Jahrhundert sowie der Entdeckung der Erbsubstanz und den molekularbiologischen Entdeckungen der Informationsverarbeitung im Gehirn stehen nun die neurobiologisch-genetischen Hypothesen im Vordergrund.

Zur Entwicklung des menschlichen Gehirns

Wie bereits im ersten Teil erwähnt, erhöht sich mit der Verwandtschaftsnähe zu einem erwiesenermaßen schizophren Erkrankten das eigene Risiko für die Erkrankung von 1 – 2 % der Risikos der gesamten Bevölkerung auf 45 – 50 % für eineiige Zwillinge. Allerdings kommt nun noch ein nicht zu vernachlässigender Teil der eigenen Lebensgeschichte als Auslöser der manifesten Erkrankung hinzu. Es stellt sich also die Frage, welche Teile des Hirns wie betroffen sein mögen.

Die Anatomie des Gehirns

Hierzu ein kleiner „Ausflug“ in die Anatomie und Entwicklungsgeschichte des Großhirns. Einen Querschnitt des menschlichen Gehirns sehen wir in der unteren Hälfte der Abb. 1. (Human=Mensch)

Darüber ist im Vergleich das Gehirn eines Hais („Shark“) abgebildet, in welchem entsprechende Hirnareale identisch gefärbt sind. Der blau gefärbte Teil ist das, was uns Menschen eigentlich „ausmacht“, das Großhirn. Das ist derjenige Hirnteil, mit dem bewusste Entscheidungen getroffen werden, der uns die Einordnung und Kommunikation in einer menschlichen Gesellschaft ermöglicht. Insbesondere der Vergleich mit unseren „nächsten Verwandten“, den Schimpansen, bringt die Erkenntnis, dass der entwicklungsgeschichtlich jüngste Teil der unmittelbar vorne über Nase und Augen gelegene ist, im Bild genau über der Beschriftung „Human“.

Abb. 1 (Quelle: Wikimedia commons)

Tief verborgen: unser emotionales Gehirn

Das „alte Gehirn“ mit Instinkten, Emotionen und angeborenen Verhaltensweisen ist aber immer noch „darunter“, umhüllt von den Neuerwerbungen der Evolution. In Abb. 1 ist dies der gelb bis grün markierte Bereich. Die räumliche Anordnung in unserem Kopf sieht man gut in Abb. 2, dort ist unser „Emotionsgehirn“ violett dargestellt. Die hier zusammenwirkenden Hirnteile sind insgesamt als das Limbische System bekannt und regulieren die Gefühlswelt, unbewusstes Verhalten und – wen überrascht es – auch unsere Lernvorgänge. Auch vorgefasste Meinungen, allgemein als Vorurteile sind dort codiert, sogar ziemlich hartnäckig.
Abb. 2 (Quelle: Wikimedia commons)

Das große Problem der Evolution ist nun, wie kommen diese beiden zusammen, ohne sich ständig zu streiten? Was kann heute noch die Funktion dieses „Emotionsgehirns“ sein, wenn es doch so weit im Kopf verborgen ist und wir meinen, etwas „viel Besseres“, weil Verstandgesteuertes erworben zu haben? Was passiert, wenn sie sich eben nicht mehr verstehen?

Diese Fragen werden wir versuchen, im dritten Teil der Serie zu erläutern.
(Bildnachweise: Wikimedia commons, in der public domain)

Dr. Kai Giermann


Zu Teil 1: Die Welt gegen mich
Zu Teil 3: Die Welt gegen mich


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